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Paul Auster | WinterJournal

Es kommt ein Punkt im Leben vieler etablierter Autoren, an dem sie von der Ehrlichkeit eines guten Freundes oder Herausgebers profitieren würden. Paul Auster, schwergewichtiger Intellektueller, Romancier und Memoirenschreiber, hat diesen Punkt erreicht. Winter Journal ist seine zweite Autobiografie. Die erste war eine eindringliche Auseiandersetzung über die angespannte Beziehung zwischen einem emotional unausgeglichenen Sohn und seinem verkrampften Vater.

Dieser Band, nun, da Auster in den Sechzigern angekommen ist, wendet sich der Sterblichkeit des Autors zu, seiner eigenen Körperlichkeit: dem Körper, der die Zeichen seines Niedergangs spürbar werden lässt. Er spricht seinen Körper als “Sie” an, und so wird der Leser in die egozentrischen Überlegungen eines Ü 60-jährigen Mannes hineingezogen.

Die erste Erkenntnis, die sich daraus ergibt, ist, dass der Autor trotz einiger jugendlicher Tumulte und Sportunfälle, einer Zigarillo-Gewohnheit, einer leichten Alkoholabhängigkeit und eines kürzlichen Autounfalls in bemerkenswert guter Verfassung ist.

“Ja, Sie trinken zu viel und rauchen zu viel, Sie haben Zähne verloren, ohne sich die Mühe gemacht zu haben, sie zu ersetzen, Ihre Ernährung entspricht nicht den Regeln der heutigen Ernährungsweisheit”, gibt er zu, “aber wenn Sie das meiste Gemüse meiden, dann nur, weil Sie es nicht mögen, und es fällt Ihnen schwer, wenn nicht gar unmöglich, das zu essen, was Sie nicht mögen.” Und so macht er “mit abscheulichen Gewohnheiten weiter, wohl wissend, dass sie letztlich schweren Schaden anrichten werden”.

Viele werden mitfühlend seufzen. Aber Auster ist ein Autor, der dafür bekannt ist, komplexe literarische Strukturen zu entwerfen, die durchaus Momente der Verzauberung bieten. Die Enthüllungen haben einen beiläufigen Ton, der eine Veränderung in seiner erzählerischen Absicht markiert. Seine erfinderischen Fähigkeiten sind verblasst, stattdessen konzentriert sich Auster auf familiere Beziehungen.

Er ist bestechend, wenn er sich an seine Mutter erinnert. Das “Sie” mit dem er über seinen Körper spricht, verblasst, wodurch der Leser von einer aufdringlichen Komplizenschaft befreit wird, und Auster liefert stattdessen das zarte Porträt einer zerbrechlichen, unglücklichen Frau mit einem großen Herzen. Sie ist eine rührende Gestalt in einem ansonsten starren, etwas selbstgefälligen Familienkreis.

Der junge Paul Auster, der seinen Ruhm aus einem starken Prosastil schöpfte, der dem rauchig-urbanen Leben eine geheimnisvolle Bedeutung verlieh und die Stadt zum Mythos machte, hat sich zu einem “internationalen Bestsellerautor” entwickelt, dessen Leistungen nicht untermauert werden müssen. Aber was kann ein Schriftsteller anderes tun, als zu schreiben?

In seinem Heimatland ist Paul Auster der Selbstmythologisierung beschuldigt worden. Leider gibt es in dieser Meditation über das Altern zu viele Passagen, die einen peinlichen Narzissmus erahnen lassen. “Wenn man auf seine rechte Hand schaut”, sagt er sich, “wenn sie den schwarzen Füllfederhalter, mit dem Sie dieses Tagebuch schreibt, in die Hand nimmt, denkt man an Keats, der unter ähnlichen Umständen auf seine eigene rechte Hand schaut”.

In Zeiten wie diesen ist es für den Leser, die Leserin, besser, wegzuschauen.

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