Ein Mann in Brooklyn

Paul Auster | WinterJournal

Man fängt abends mit dem Buch an und liest es die ganze Nacht hindurch. Es gibt eigentlich nichts Spektakuläres darin, doch die alltäglichen Kleinigkeiten, die unbewusst ablaufen, werden uns von ihm durch seine Aufzählungen ganz bewusst gemacht. – Seine Kindheitserinnerungen sind sehr schön zu lesen, dann über die erste -gescheiterte- Ehe und über das Glück, das er mit seiner zweiten Frau fand. Die Beschreibungen seiner meist bedrückend engen Wohnungen, die er überall auf der Welt für kurze Zeit, einige auch für länger bewohnte. die bedrückend wirkt. Später kam dann mit dem Erfolg auch das Geld ins Haus, das man dann auch nach den eigenen Vorstellungen schön gestalten konnte. Es sind in diesem Buch wirklich die Kleinigkeiten, die er beschreibt, die es so anders rüberkommen lässt, von dem man sich mitgenommen fühlt in seine persönliche Welt. – Man scheidet nach dem Lesen wie von einem guten Bekannten, der uns an seinem Leben teilnehmen lassen hat.

Bestechend und einfühlsam hält der Dichter in seiner Autobiographie mit seinem imaginierten Selbst als Gegenüber Zwiesprache. Die Kindheit, das körperliche Wachsen, Gefühle und Ängste, Krankheiten, Unfälle und die große Liebe nach einigen voran gegangenen, das alle macht den Reiz dieses Werkes aus. Die Perspektiven wechseln. Einmal erzählt der kleine Junge von seinen Kindheitserlebnissen, dann wieder ist der erwachsene und sogar alternde Mann das Gegenüber. Panik und Todesangst, Elternliebe und Verluste: Paul Auster hat eine Biographie verfasst, die seine sehr persönlichen Erfahrungswerte spiegeln. Und immer siegt im Hintergrund stellvertretend für sein Alter von 66 Jahren der Winter mit einen Reizen und Irritationen! Sommerbilder sind eher die Ausnahme.

Selbstkritisch und schuldbewusst zählt er auf, wo er versagt hat. Die Liebe und körperliche Erfahrungen als Kind, Jugendlicher und erwachsener Mann prägen den Bericht ebenso, wie die liebevolle und zaghaft angedeutete Bewunderung für seine schöne Frau Siri Hustvedt. Mit den Innenansichten eines wachsenden Jungen und Mannes bestreitet der Autor den Inhalt seiner Biographie. Die seltene Offenheit, mit der uns Paul Auster an seinem Werden und Gedeihen während der letzten fünfzig Jahre seines Lebens teilnehmen lässt, ist bewundernswert. Seine Aufzeichnungen sind ehrlich aber nie indiskret, sie sind poetisch und philosophisch und zeugen von einem sensiblen und einsichtigen Charakter, der aus seinen Fehlern Konsequenzen zog. So ist er nach einem schweren Autounfall nie wieder Auto gefahren.

Aus seinem Bericht kann man auch erfahren, dass er ein liebender und liebevoller Mann und Vater ist. Anrührend, zuweilen elegisch und von sicherer Distanz zu sich selbst berichtet Paul Auster über sein vergangenes Leben in Erwartung auf das Alter, das ihn nicht unberührt lässt.

Noor Visser hat ihre Leseeindrücke hier aufgeschrieben, die eine ganz andere Sprache sprechen.

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